Wissenschaftliche Ausrichtung der Konferenz

Die "Emerging Concepts in Cancer" Konferenz hat sich zum Ziel gesetzt, jenseits eines einzelnen Forschungsfeldes sich abzeichnende Schlüsselentwicklungen mit hohem translationalen Potential zu identifizieren und diese unterschiedlichen Schwerpunkte in einem interdisziplinären Tagungsprogramm einer interessierten „Cancer Research Community“ zugänglich zu machen. Zu diesen Feldern zählen

 1.   Oncogenic/Tumor Suppressor Networks and Synthetic Lethality

Sprecher: Laura Attardi, Stanford/USA , Julian Downward, London/UK , Martin Eilers, Würzburg , Andrej Goga, San Francisco/USA

Onkogen-/Tumorsuppressor-Netzwerke sind ein Feld von enorm wachsender Bedeutung: lange wurden Onkogene oder (ausgeschaltete) Tumorsuppressoren als Komponenten zentraler, linearer Signalkaskaden betrachtet, wodurch relevante Quervernetzungen mit anderen Signalwegen unerkannt blieben und insbesondere tumor-assoziiert veränderte Expressionslevel vorschnell zu „neuen Biomarkern“ oder „vielversprechenden Zielmolekülen“ erklärt wurden. Eine zunehmend globalere und systembiologisch motivierte Sicht verlangt nach der funktionellen Einordnung Cancer-assoziierter Läsionen in übergeordnete Netzwerke – unterschiedliche Verschaltungen einzelner Mediatoren können völlig unterschiedliche tumorbiologische Funktionen zur Folge haben. In diese Logik fällt auch die Ausnutzung des Prinzips der „Synthetischen Letalität“, also der genetischen oder pharmakologischen Inhibition eines essentiellen zweiten Signalwegs zusätzlich zu einem Krebszell-exklusiv bereits inaktivierten ersten Signalweg – ein äußerst attraktiver Denkansatz gerade gegenüber „verlorenen Targets“ (wie deletierten Tumorsuppressoren), der aber die Kenntnis funktioneller Netzwerk-Zusammenhänge unbedingt voraussetzt.

2.   Transdifferentiation, Telomere Dysfunction and Cancer Stemness

Sprecher: Christine Chaffer, Boston/USA , Andreas Trumpp, Heidelberg

Seit einigen Jahren sind Tumorstammzellen in das Zentrum vor allem therapeutischer Überlegungen gerückt. Allerdings zeichnen sich wichtige neue Erkenntnisse ab, die das hierarchische Modell einer Tumorstammzelle mit der von ihr unterhaltenen, heterogenen Nicht-Stammzell-Tumorpopulation und der daraus abgeleiteten Schlüsselaufgabe, die Stammzellpopulation eliminieren zu müssen, in frage stellen. Jüngste Hinweise auf Transdifferenzierung von Nicht-Tumorstammzellen in Tumorstammzellen müssen zu neuen Denkansätzen gegenüber der Gesamttumorzellpopulation führen; ähnliches gilt für die lange nicht vorgenommene Unterscheidung zwischen Tumorstammzellen im Primärtumor und „Metastasen-Stammzellen“, also Tumorzellen mit der besonderen Eigenschaft, nicht nur Tumor-initiierend zu sein, sondern Tumorwachstum auch in inadäquaten Mikromilieus initiieren zu können. Diese besonderen Qualitäten biologisch und genetisch zu fassen, wird eine wichtige Voraussetzung für adjuvante, metastasierungsprotektive Therapiestrategien sein.

3.  Metabolic Deregulation, Senescence and ER Stress/Autophagy/Ubiquitination

Sprecher: Ravi Amaravadi, Pennsylvania/USA , Ivan Dikic, Frankfurt , Guido Franzoso, London/UK , Clemens A. Schmitt, Berlin , Marisol Soengas, Madrid/Spanien

Die Erforschung deregulierten Tumormetabolismus erlebt gegenwärtig eine enorme Renaissance und wird zu völlig neuartigen Therapiestrategien führen; eng damit verbunden sind Untersuchungen zu zellulären Abbaumechanismen normaler und womöglich fehlerhaft synthetisierter Makromoleküle (Endoplasmatischer Retikulum-Stress, Autophagie, Ubiquitinierung) mit ihren weitreichenden Implikationen für den bioenergetischen Zustand der Zelle und Überlebens- bzw. programmierte Todessignale.

4.   Novel Immunological Strategies

Ralf Bargou, Würzburg, Thomas Blankenstein, Berlin, Hans-Guido Wendel, New York/USA

Über viele Jahre blieben die klinischen Erfolge der Tumorimmunologie außerhalb eines allogenen Therapie-Settings hinter den hohen damit verbundenen Erwartungen zurück. Erst in der jüngsten Zeit zeichnen sich beeindruckende Erfolge immunologischer Therapieprinzipien (bspw. durch die Blockade immunologisch inhibitorischer Signale) ab. Die Konferenz wird mit der Grundsatzfrage „Tumor-Immunüberwachung vs. Tumor-Immuntoleranz“ und zwei neuartigen Antikörper-basierten Therapiestrategien wichtige neue Konzepte der Tumorimmunologie adressieren. 

5.   Computational Cancer Biology, Novel Targets and Tools

Yaakov Benenson, Zürich/Schweiz, Chiang J. Li, Boston/USA, Samuel K. Sia, New York/USA

Es wird zunehmend klarer, dass Signalkaskaden weder simplistisch linear, noch in ihrer Aktivierung in digitalem Sinne lediglich als „an vs. aus“ bzw. in ihrer experimentellen Analyse als „mehr vs. weniger“ beschrieben werden können, um ihren Funktionszustand biologisch hinreichend zu charakterisieren. Neben der immer offensichtlicheren Notwendigkeit, große Datensätze aus diversen „-omics“-Ansätzen mittels bioinformatischer „Computational Biology“ in einen systembiologischen Kontext zu stellen, werden quantitativ-dynamische Aspekte der Signalsteuerung von Netzwerkkaskaden immer wichtiger, um zu verstehen, inwieweit ein gemessenes Signal auch tatsächlich einen bestimmten Effekt – bspw. frequenzmoduliert oder Schwellenwert-abhängig oder Anstiegs-/Abfalls-abhängig – auslöst.

Last but not least sind viele der diskutierten „Emerging Fields“ ohne neue Tools, ohne neue technische Plattformen oder Zugangsebenen, gar nicht vorstellbar. Messung tumorbiologischer Parameter mit Hilfe der Mikrofluid-Technik (sog. „Lab-on-a-Chip“), der Einsatz synthetischer Biologie oder nanotechnologischer Carrier zur zielgerichteten Lieferung neuer Therapeutika an die Tumor-Site, oder die Umsetzung bisher eher experimentell-diagnostischer RNA-Interferenz-Technologie auch als Tumortherapeutikum sind nur einige Beispiele für ein sich dramatisch schnell entwickelndes biotechnologisches Feld. Einblicke in diese – oft wenig bekannten – Möglichkeiten zu bekommen ist für translationale, applikationsorientierte Krebsforscher von immer größerer Wichtigkeit.

 

Nichtsdestotrotz ist die oben vorgenommene Unterteilung in fünf wissenschaftliche Bereiche eher formaler Natur; viele der für die „Emerging Concepts in Cancer“-Konferenz eingeladenen Sprecher stehen explizit mit ihrem Forschungsportfolio für die Vernetzung der benannten Bereiche (bspw. „NF-kB-Netzwerk-Deregulation und metabolisches Reprogramming“ [Guido Franzoso] oder „Antikörper-vermittelte anti-onkogene Therapie“ [Hans-Guido Wendel]) und erhöhen so noch einmal den instruktiven Mehrwert und den Charakter der Veranstaltung als stimulierenden “Think Tank” über die Grenzen des eigenen Spezialgebiets hinaus. Damit ist auch eines der wesentlichen Ziele der Konferenz umrissen: neben der wissenschaftlichen Diskussion neuester Erkenntnisse aus zukunftsträchtigen Feldern der Krebsforschung (und neuen hier erst relevant werdenden Expertisen), der Interaktion (und Initiierung neuer Kooperationen) zwischen WissenschaftlerInnen, insbesondere auch zwischen arrivierten Köpfen und jungen NachwuchswissenschaftlerInnen will dieses Meeting vor allen Dingen anregen, die mögliche Bedeutung aufkommender Forschungsperspektiven für die eigenen Forschungsprojekte zu prüfen und ggf. Fragestellungen und Strategien inhaltlich neu auszurichten.